Wintersonne – Zu den weißen Wäldern I

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Schimpfpelz fuhr sich mit nervösen Fingern durchs Fell. Einst hatte er einen andern Namen getragen. Seine Gefährtin und seine Kinder hatten ihn gekannt. Und sonst war er niemanden etwas angegangen. So verhielten sich eben die Dinge bei den Diz. Doch ein Mädchen mit lockigem Haar und nackten Füßen – eins dieser Menschenwesen aus einer der anderen Welten – hatte ihm einen neuen Namen gegeben. Einen, den nun alle kannten. Nur nicht seine Gefährtin und auch nicht seine Kinder. Denn die hatte er vor der Reise über die Straße zurückgelassen.

Sein Fell juckte am ganzen Leib. Und nun sah er diesen Strand. Die Hitze waberte über dem Sand und vertrocknete Palmen krümmten sich unter der Sonne. Da wollte er ganz bestimmt nicht hin.
Die Jahreszeiten hatten sich die letzten Tage rapide verändert. Die Grenze zwischen Wald und Strand war spürbar. Der Winter kämpfte gegen den Sommer. Schnee schmolz zu Rinnsalen im Sand und den Nadelbäumen verbrannte es die überragenden Äste.

»Verflixter Strand.«, knurrte der Diz.

»Da müssen wir aber lang, Schimpfpelz. Ich hab extra eine Karte gemalt.«, meinte das Mädchen an seiner Seite. Ihr dunkles Haar lag zerzaust auf den braunen Trägern ihres Kleides. Sie fror und wäre ganz froh über ein wenig Sonne.

»Ach was hilft die Karte, du blasser Kerl. Die Sonne verbrennt dich. Wie die Bäume.«, motzte Schimpfpelz, der der Zwölfjährigen gerademal zum Oberschenkel reichte.

»Na was sollen wir dann machen?«, jammerte das Mädchen und zupfte an ihren verdreckten Nägeln. Seit zwei Tagen liefen sie schon durch den dunklen Winterwald und sie hätte wirklich gern ein wärmendes Sonnenbad. Die schweren Pelzstiefel waren bereits durchnässt und der Diz wurde immer patziger. Wenn er sie schon nicht mehr Mirella – bei ihrem Namen – nannte und wieder vergaß, welchen Geschlechts sie war, brauchte der kleine Fellmann unbedingt eine Pause. Aber im Schnee eine Weile zu warten war Mirella nicht möglich, sie schlotterte nach nur wenigen Augenblicken und musste den Diz anschicken weiterzugehen.

»Nicht da hingehen. Das machen wir.«

»Ach Schimpfpelz, hör auf zu murren. Das wird schon nicht zu heiß sein.« Mirellas Zähne klapperten beim Sprechen und minderten damit ihre Überzeugungskraft. Der Diz griff sich mit den nackten, schwarzen Fingern ins Kopf-Fell, als wolle er die Haare raufen, was er sich bei den Menschen abgeguckt haben musste, mit denen er einst unterwegs gewesen war. Mirella lachte bei dem Anblick.

»Auf, geh schon.«, schickte sie ihn wieder einmal an und fühlte das Mitleid in sich aufsteigen. Der Diz lebte schon seit Jahrzehnten, wenn nicht sogar Jahrhunderten, hier auf der Straße und war bereits einige davon auf der Suche nach seinem Volk. Dabei war er nicht einmal sicher, ob es noch existierte. Die Straße hatte sich verändert und keiner wusste, was noch übrig war aus den ferneren Gebieten.

Noch einmal würde er aufbegehren und erst dann würde er sich beugen. So gut kannte sie den kleinen Mann.

»Wir gehen links.«, bestätigte er diese Vermutung

»Links kommt die Straße, da gehen wir ganz bestimmt nicht hin.«

»Dann rechts.« Nervös pustete er sich über sein Fellgesicht und legte seine fliederfarbenen, kleinen Augen frei. Hier in der Winterlandschaft wuchs sein grau-braun meliertes Fell so dicht, dass Mirella sich fragte, wie der Diz überhaupt sehen konnte.

»Wir kommen doch von rechts.«

»Kann gar nicht sein, wir kommen von hinten, dummer Kerl.« Er schien sich nicht mehr sicher zu sein, da er sich mehrfach um die eigene Achse drehte bis er taumelte.

»Soll ich dir etwa die Karte zeigen?«, lachte Mirella und griff demonstrativ nach der Pergamentrolle in ihrem Gürtel.

»Näh.«, fauchte er verachtend und reckte vorsichtshalber die Hand in den Sommer. Es zischte nicht und es rauchte nicht, also würden sie auch nicht verbrennen.

»Ganz schön heiß.«, meinte er und kratzte sich am Fell. Er hatte erst angefangen sein Winterfell anzulegen, nun würde sein Metabolismus wieder durcheinandergewirbelt. Auch dafür hatte Mirella Mitgefühl. Aber ihre Füße drohten zu Eisklumpen zu werden, da war ein juckendes Fell ein geringerer Kompromiss.

»Auf auf.«, befahl sie mit lachender Stimme und stieß ihn sanft mit der Schuhspitze. Zeternd gab er nach und hüpfte geduckt in den Sand.
Als hätte er Materie durchdrungen schien die Grenze zwischen Winter und Sommer etwas zu wabern und als Mirella dem Diz folgte, meinte sie etwas zu fühlen. Doch die plötzliche Wärme ließ sie alles vergessen. Schneller hatte sie noch nie die Schuhe ausgezogen und schon rannte sie barfuß durch den Sand. Dabei warf sie den Pelzponcho hinter sich und tanzte vor Freude.

Es war dringend notwendig, sich ein wenig zu freuen. Die Karte, die den Weg zu den weißen Wäldern beschrieb, verhieß noch eine lange Reise. Ein Abenteuer, auf dem sie sich vor den Grogh verstecken mussten und hoffentlich endlich Dumbrob begegnen würden. Und konnte der Schimpfpelz in den Pausen von seinen Kindern und seiner Gefährtin erzählen, würde er auch wieder mit ihr Spielen, sie dabei zwar ununterbrochen beschimpfen und necken, aber er würde ein wenig gelassener werden. Denn die Sehnsucht machte ihm schwer zu schaffen.

Fortsetzung folgt

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Advertisements

6 Kommentare zu „Wintersonne – Zu den weißen Wäldern I

Gib deinen ab

  1. Schräg. Ich habe einen Charakter – einen ‚Goblin‘-Mathematiker (eigentlich ist er ein Mvenjibu aus der Dimension 0773-503215368-04) – der Gnogh heißt. Jetzt bin ich aber sehr gespannt, wie diese Grogh aussehen, die Schimpfpelz und Mirella verfolgen ((XDDD

    Gefällt mir

Sag mir was dazu

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: