Totenwasser – Zu den weißen Wäldern II

Erster Teil

Mirella gluckste und keuchte vor Lachen. Das Wasser war salzig und so warm wie Schokoladenmilch. Schimpfpelz saß an der Grenze zwischen nassem und trockenem Sand. Dann und wann wurden dabei seine pelzigen Füße nass, die fast hätten Menschenfüße sein können.

»Sei kein Fisch, komm ins Wasser.«, rief Mirella und platschte rücklings ins Meer.

»Fische gehen gern ins Wasser, du trotteliger Kerl.«, rief der Diz und grunzte leise. Das war das nächste an einem Lachen, was er seit Tagen zustande bekommen hatte. Die Wanderung über den Sand in dieser Hitze war mühsam. Zudem ließ Schimpfpelz immerzu büschelweise Haare zurück, die er sich bei seinen Juckattacken ausrupfte. Sein Metabolismus war schnell und den verrückten Witterungen der Straße angepasst, dennoch machte dies sein Leiden nicht geringer.

Mirella hingegen war in ihrem Element. Wurde es zu heiß, sprang sie einfach in das Meer, dessen Rauschen sie immerzu folgten. Die Landschaft, die sich zu ihrer Rechten erstreckte, bot nur starre Trockenheit und steinverkrusteten Boden.

Als Mirella wieder auftauchte, um über ihre widersprüchliche Aussage zu lachen, blieb ihr das Glucksen im Halse stecken. Etwas Dunkles und Menschengroßes wurde einige Meter neben ihr angeschwemmt. Es waberte leblos in der vordrängenden Welle und blieb im Sand zurück.

»Oh nein. Mirella bleib. Bleib da.«, quiekte der Diz und sprang auf. Sein Fell war von der Hüfte an vom Sand verklebt und sah aus, als trage er eine Hose. Mirella schlug sich die Hand vor den Mund und kicherte, während sie ungehorsam an Land watete.

»Sieh nicht hin.«, krächzte Schimpfpelz und breitete die Arme aus, als wolle er den angeschwemmten Körper verdecken. Da sie ihn jedoch um drei Körperlängen überragte verdeckte er nur einen winzigen Teil des Kopfes.

Es war tatsächlich ein Mensch, wobei davon nicht mehr viel übrig zu sein schien. Galle schoss augenblicklich in ihren Hals und sie übergab die Algen – die sie heute früh um das Muschelfleisch gewickelt hatte, damit ihr Frühstück etwas appetitlicher aussah – an das Meer zurück.

»Dummer Kerl. Kannst ja nicht gehorchen. Selbst schuld.«, knurrte der Diz und machte sich daran, die Leiche zu untersuchen. Bei diesem Anblick musste sie sich erstrecht übergeben und ging am Wasser in die Knie, um sich das Gesicht zu waschen. Kaum hatte sie das vierte Würgen hinunter geschluckt und noch einmal Wasser ins Gesicht gespritzt, sah sie weitere, dunklen Flecken, die in wenigen Augenblicken angespült werden würden. Das Meer war bis in den Horizont besprenkelt.

Kreischend sprang Mirella auf und rannte bis zum steinigen Boden der angrenzenden Steppe. Mit dem Rücken zum Meer klammerte sie sich an ihr Unterhemd und wrang sich dabei Meerwasser über die Füße.

»Totenwasser.«, keuchte Mirella und stampfte mit den Füßen, bis es schmerzte.

»Anziehen, Mirella. Wir müssen weg.«, rief der Diz und schien dabei näher zu kommen. Nur Augenblicke später warf er ihr das braune Kleid zu Füßen und berührte sie mitfühlend an der Wade.

»Ist nur ein Toter. Der macht nichts mehr.

»Es ist eklig, Schimpfpelz. Und traurig.«, schluchzte Mirella und beugte sich zu ihrem Kleid.

»Nein, nein. Du kennst ihn nicht. Du musst nicht traurig sein.« Wieder berührte er sie sanft an der Wade, wollte sie damit trösten, weckte jedoch nur ihren Zorn.

»Sei nicht so gefühllos, du Pelzfloh. Das war mal ein Mensch. Jetzt ist er glibberig und stinkt.«, keifte sie und schubste ihn mit dem Fuß beiseite. Weinend zog sie das nasse Unterhemd über den Kopf und warf es weit in die Steppe. Nur leise hörte sie das Aufklatschen als sie das trockene Kleid über ihre feuchte Haut zog. Die lange Reise hatte den Stoff kratzig gemacht und der Sand machte dieses Gefühl nicht angenehmer.

Murrend ging der Diz voraus und trat dabei Salven von Sand vor sich weg. Ein seltsamer Geruch erreichte das Mädchen, als sie Schimpfpelz folgte und bewusst nicht zum Wasser schaute. Doch sie meinte ein verändertes Rauschen wahrzunehmen, als hätte das Meer nun Mühe Wellen zu schlagen.

Nur in wenigen Schritten hatte sie den kleinen Fellmann eingeholt und stapfte ihm davon. Seit Tagen hatte sie es nicht mehr so eilig gehabt, doch vor ihr bot sich weit und breit nur Wasser, Strand und Steppe. Verzweifelt band sie die Karte von ihrem Gürtel und entfaltete sie vor sich während sie ging. Ein aufziehender Wind zerrte an dem dicken Pergament, doch Mirella umklammerte es so fest, dass die Kanten dabei zerknitterten. Wenn sie es richtig einschätze, mussten sie noch zwei Tage dem Strand folgen, dann kämen sie endlich an einen Ort, der wie ein Hafen aussah. Mirella war auf der Straße noch nie in eine Stadt gekommen. Die Stadt der Mambli – einem Volk das den mythischen Satyren ähnelte, jedoch Hasenbeine statt Ziegenbeine und Schlappohren hatte – war eher ein Unterirdischer Bau gewesen. Dort hatte sie heimlich die Karte abgepaust.

»Wir müssen ein Portal machen.«, rief der Diz atemlos, da er versuchte Mirella hinterher zu eilen.

»Nein.«, gab sie bestimmt zurück und ging etwas langsamer. »Da wissen wir nie, wo wir rauskommen. Und wir brauchen die Perlen für Wasser.«

»Das werden immer mehr Tote. Morgen stinkt es schlimmer. Dann muss ich kotzen.«, entgegnete Schimpfpelz und zeigte in Richtung Meer. Mirella nickte nur, sah jedoch nicht hin.

»Bald kommt die Stadt. Wenn du eine Perle für Energie nimmst, sind wir morgen Abend dort.« Das Mädchen tippte dabei auf die gerollte Karte. Daraufhin hob der Diz die Knollennase in die Luft und schnüffelte. Sein Geruchssinn war besonders empfindlich und selbst Mirellas Stupsnase, nahm bereits den Duft der Leichen wahr.

»Was sind das für Tote?«, jammerte Mirella und wagte doch einen Blick. Es hatte sich ein regelrechter Damm aus Menschen gebildet. Wobei, das waren nicht nur Menschen. Hier und da sah sie Fell und Hörner.

»Opfer des großen Wandels.«, murmelte der Diz abwesend und sah in den Horizont. »Das Meer reinigt die zentralen Lande.«

Schimpfpelz hatte oft von den zentralen Landen erzählt. Dort, wo sich die Welten treffen. Doch vom großen Wandel wollte er nicht erzählen. Das war Teil seiner vergangenen Reise. Der Reise, auf der er seine Familie verloren hatte. Und Mirella wollte sie mit ihm finden und dort hoffentlich den Fluss, der sie zurück in ihre Welt bringen würde.

Fortsetzung folgt! Erster Teil HIER

Schreib mir doch in die Kommentare, wie es dir gefällt und folge meinem Blog, wenn du gern wissen magst, wie es weiter geht.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Advertisements

Sag mir was dazu

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: