Blutsonne – Zu den weißen Wäldern III

Erster Teil – Zweiter Teil

 

Mirella und Schimpfpelz gingen einige Zeit und stritten, wie sie nun weiter vorgehen sollten. Der Gestank forderte jeden Tropfen ihrer Beherrschung, nicht augenblicklich in die Steppe zu fliehen und dort nur noch Magensaft zu erbrechen. Durch den Mund zu atmen brachte auf Dauer einen sonderbaren Geschmack mit sich und trocknete ihre Zunge aus. Sand sammelte sich zwischen den Zähnen und die Hitze drückte auf sie nieder, wie eine schwere Decke.

»Es ist nur eine Nacht, morgen müssten wir da sein. Nimm doch eine Perle für Energie, Schimpfpelz. Portale sind viel zu gefährlich.«, bat Mirella erschöpft und spuckte neben sich. Der Geschmack war unerträglich. So musste wohl Verwesung schmecken. Sie schüttelte sich.

»Perle für Sonnenschutz. Perle für Wasser. Perle für dies und das. Du bist ein verschwenderischer Kerl, Mirella.«, murrte der Diz und strich sich eine Hand voll Pelz von der Brust. Seit etwas über einem Tag war das Fell in seinem Gesicht so dünn geworden, dass man immerzu diese kleinen Fliederaugen sehen konnte. Sie stachen überall wo sie hinblickten.

»Kerl, Schimpfpelz? Kerl und danach Mirella? Hast du es noch immer nicht kapiert? Hat E…«

»Sag’s nicht!«, fiel er ihr ins Wort. Er fiel ihr nur selten ins Wort. Nur dann, wenn sie seine Vergangenheit ansprach. Was sie soeben versucht hatte und sich nun schämte. Der Diz hatte ihr schon am Anfang klar gemacht, dass er über seine Vergangenheit nur sprechen würde, wenn er selbst davon zu sprechen begann.

Für einige schwere Atemzüge gingen sie still nebeneinander her.

»Tut mir leid.«, murmelte Mirella leise und ging einen Schritt langsamer, damit der kleine Fellmann es leichter hatte. »Aber jetzt mal ehrlich, findest du wirklich, wir sollten ein Portal öffnen?«

Glühend rot stand die Sonne im Untergang, hatte jedoch noch ausreichend Energie, um ihr Schweißperlen in das Gesicht zu treiben.

»Die Toten sind tot. Sie werden halt stinken.«, grummelte Schimpfpelz geschlagen und griff sich an das Säckchen, welches er um die Hüfte gebunden trug. Zu Anfang ihrer Reise war es prall gefüllt gewesen, inzwischen fehlte nahezu die Hälfte der Perlen. Ein Portal kostete schlimmstenfalls drei Perlen. Energie, also die Kraft, ohne Schlaf eine Nacht durchgehen zu können, kostete eine einzige Perle für sie beide.

»Wir müssen sparsam sein.«

Mit diesen Worten gab sich der Diz erneut dem Rat von Mirella hin. Ein schlechtes Gewissen brodelte in ihr auf, doch sie wusste, dass es so besser war. Als sie zuletzt ein Portal geöffnet hatten, um vor einer Horde Grogh zu fliehen, hatten sie Glück gehabt die Mambli zu treffen. Sonst wären sie vergeblich herumgeirrt und hätten womöglich nie den richtigen Weg gefunden. Schweigsam gingen sie dem Sonnenuntergang entgegen und genossen, dass mit jedem Schritt die Hitze etwas abnahm.

Schimpfpelz wühlte die Perle hervor, da war bereits seit einiger Zeit die Nacht eingekehrt und der Mond dieser Welt nahm ein Drittel des Firmaments ein. Seine zerklüftete Oberfläche reflektierte in einem orange angehauchten Gelb und spendete mehr Licht, als an manchen trüben Tagen. Die kühle Luft nahm Schimpfpelz die Anspannung und Mirella war sicher, dass er sich nun besser auf den Zauber konzentrieren konnte. Zauber – Mirella lachte über dieses Wort, da damit der erste Streit zwischen ihr und dem Diz ausgebrochen war. Schimpfpelz schwor, dies hätte nichts mit Zauberei zu tun. Mirella sah dies noch immer anders.

Behutsam nahm Schimpfpelz die Perle zwischen die Finger. Sie war kleiner als Mirellas Fingernagel, schwarz wie Öl und strahlte eine unergründliche Macht aus. In ihr verwoben sich feinste Linien in einer endlosen Anzahl Farben. Der Diz hatte einst von Melodien erzählt, die aus den Perlen herausklangen. Doch weder er noch sie konnten diese Melodien vernehmen.

Mit einem Gesichtsausdruck, der einem menschlichen Lächeln nahe kam, hielt er die Perle zwischen seine scharfen Zähne. Mirella hasste das Geräusch, das nun folgte und legte sich die Hände auf die Ohren. Dennoch hörte sie, wie er die kostbare Perle knackte und sofort in seine Hand zurück fallen ließ. Die Linien traten aus dem tiefen Schwarz der Perle, das sich nun über Schimpfpelz‘ Hand zu ergießen begann. Es tropfte in den Sand und hinterließ eine Pfütze, die nicht versiegte. Sofort knieten sich die beiden vor diese Pfütze und tauchten die Finger in das ölige Schwarz, auf dem noch immer die bunten Linien tanzten. Nur das Schwarz, nicht aber die Linien, begann Mirellas Hand und bald auch ihren Arm hinauf zu kriechen und wanderten in Wellen zu ihrer Brust. Sie kannte das Gefühl und wurde dennoch davon übermannt, als sich das Schwarz durch ihre Haut bahnte und dabei ihren Herzschlag erhöhte. Die Zeit zwischen jedem Blinzeln schien sich augenblicklich zu verkürzen. Nur für einen Moment wirkten die Bewegungen des Diz wie in Zeitlupe, dann begann auch bei ihm der Zauber zu wirken.

Taumelnd richtete sich Mirella auf und atmete so ruhig sie konnte. Doch ihre Wahrnehmung musste sich erst an die Beschleunigung gewöhnen. Das Meer rauschte in einem tieferen Ton und die vertrockneten Palmen wogen und flatterten wie in einem Horrorfilm. Verzweifelt versuchte sie den ersten Schritt, doch ihre Augen waren nicht in der Lage dieser Bewegung vollständig zu folgen. Wie in einem Stummfilm ruckte und zuckte das Bild und trieb Mirella zusätzliche Übelkeit in den Magen. Sie kannte diese Übelkeit, hatte sich deswegen nie übergeben müssen, doch in Verbindung mit dem Gestank war dies schier unmöglich.

Ein undefinierbares Geräusch von Seiten des Meeres ließ sie aufschrecken. Es knisterte und knackte, untermalt von einem Schmatzen. Als sie den Blick darauf richtete, fiel es ihr vorerst schwer zu fokussieren. Doch dann erkannte sie, woher diese Geräusche kamen. Eine unnatürliche Bewegung war in den Damm aus Leichen eingekehrt. Einzelne Körper schienen daraus hervorkriechen zu wollen. Und als der Diz aufschrie und hinter sie zeigte, erkannte sie, dass einige Körper geschafft hatten sich aufzurichten. Nur Schemen waren zu erkennen, doch sie bewegten sich auf sie zu. In grotesk verlangsamten Bewegungen. Mirella sah nicht lange genug hin, um zu erkennen, was dies für Wesen waren. Sie rannte los. Erst taumelnd und stolpernd, weil ihr Verstand ihren beschleunigten Bewegungen kaum folgen konnte, dann zielstrebig und in einer angsteinflößenden Geschwindigkeit. Die Umgebung huschte an ihr vorüber, wie an einem fahren Zug. Auch der Diz rannte. Rannte noch viel tapferer, da er trotz seiner Größe Schritt halten konnte.

Fortsetzung folgt

Ja, das ist ein gemeiner Cliffhanger. Aber es geht nächste Woche gleich weiter, versprochen!
Lass mir viele Kommentare da und folge mir, dann weißt du auch sofort Bescheid, wenn es weiter geht.

sundown

Advertisements

Sag mir was dazu

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: