Leicheneier – Zu den weißen Wäldern IV

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Neben ihnen lösten sich weitere Körper aus dem Leichendamm und strauchelten einige Zeit, bevor sie sich aufrichten konnten. Doch der Zauber schütze Mirella und Schimpfpelz, sie waren schneller als diese Unwesen und von Erschöpfung war ebenfalls nichts zu spüren. Dennoch konnten sie dies nicht ewig aufrechterhalten. Je weiter sie gingen, desto weiter waren die Wesen zum Strand vorgedrungen. Bald müssten sie ihnen im Slalom ausweichen. Waren sie gefährlich?

Mit ihrem Erscheinen war ein bizarres Raunen aufgekommen. Auch das knisternde Geräusch war stärker geworden. Mirella wollte dem Diz tausend Fragen stellen, doch ihrer Kehle wollte lediglich die Luft zum Atmen entweichen.

Plötzlich tauchte vor ihr eines der Wesen auf. Der Tunnelblick hatte bei dieser Geschwindigkeit verhindert, dass Mirella ihn herbeiwanken sah. Wie vorgeahnt wollte sie ihm ausweichen, doch ihr Körper war bei dieser Geschwindigkeit schwer zu steuern. Dabei war sie geradeso einem Zusammenstoß entkommen, und keuchte ob des Anblicks, der sich ihr bot. Es war kein Wesen, sondern ein Schwarm absonderlicher Meereskrebse, die sich über eine der Wasserleichen bewegte, wie Ameisen auf einem Quarkstrudel. Taumelnd sah sie zurück, nur um zu bemerken, dass diese Horrorgestalt den Arm nach ihr ausgestreckt hatte und nun die Verfolgung aufnahm. Mirella konnte sich vor Schreck kaum halten, geschweige denn konzentriert weiterlaufen und stolperte über ihre eigenen Füße.

Jeder einzelne Sandkorn, der sich in ihre aufgeschürfte Haut bohrte, erinnerte sie ans Aufstehen, an das ekelhafte Wuseln, an das Knistern und das Raunen. Sie musste fliehen. Doch wohin? Immer weiter den Strand entlang, wo noch mehr dieser Unwesen herumirrten? In die Steppe und die trockene Ungewissheit, ohne irgendeinen Orientierungspunkt? Ihr blieb keine andere Wahl.

»In die Steppe!«, schrie sie dem Diz hinterher, der mit rudernden Armen bremste. Er schüttelte den Kopf. Nur eine Gesichtshälfte wurde vom Mondschein geschnitten, dennoch konnte sie die weit aufgerissenen Fliederaugen sehen; lange bevor sie bemerkte, dass er mit ausgestrecktem Arm auf sie deutete. Sie verstand verspätet, doch noch immer rechtzeitig und setzte sich ruckartig in Bewegung. Die kalte Berührung währte nur für den Bruchteil einer Sekunde, dann war sie entkommen und auf direktem Weg ins trockene Ungewiss.

Sie wusste, dass die Erschöpfung lange nicht einsetzen würde. Sie wusste, dass sie sich in magischer Beschleunigung bewegte. Sie wusste nicht, wie weit sie gelaufen war. Nachdem das Raunen und Knistern verklungen war, war sie noch einige Zeit weitergerannt. Immerzu unter der Beachtung, die zarten Schritte von Schimpfpelz nicht zu verlieren. Nun nahm sie Geschwindigkeit aus ihren eigenen Schritten, hörte, wie der Diz sich näherte und als Mirella endlich zum Stehen kam, krallte sich Schimpfpelz in den Saum ihres Kleides, um den Schwindel des Bremsvorganges auszugleichen.

»Hat es dich erwischt?«, fragte der Diz mit ruhiger Stimme. Auch sie war nicht außer Atem. Alles Teil der Magie.

»Es hat mich kurz berührt, aber ich konnte schnell weg.«, antwortete Mirella und erkannte ihre eigene Stimme nicht. Sie klang dünn und gebrochen.

»Berührt.«, murmelte der Diz nervös und zog an ihrem Kleid. »Lass sehen.«

»Nur am Arm, Schimpfpelz. Er hat mich nicht verletzt.«

»Zeig jetzt.«, befahl er mit schriller Bestimmtheit und zerrte noch viel kräftiger.

Mirella kniete neben ihn und sah sich um, während sie Schimpfpelz den Arm hinstreckte. Nur Steppe weit und breit, vom Meer blieb keine Spur. Aber die Nacht nahm auch viel der Weite, am nächsten Tag würden sie sich besser orientieren können.

»Es hat Eier auf dich gelegt.«, knurrte Schimpfpelz und tippte grob auf die Stelle ihres Arms. Seine schwarzen Finger waren das einzig Nackte an ihm. Seine Füße hatten zwar ebenfalls die grobe Form von Menschenfüßen, waren jedoch über und über mit Fell bedeckt.

»Eier?«, keuchte Mirella und hielt sich den Unterarm direkt vor das Gesicht und sah glatte Haut. Zwar war die Nacht heller, wie die Nächte der Erde, doch auch hier ließen sich feine Farbunterschiede nur schwer erkennen. Dennoch meinte sie, dass alles normal aussah. »Ich seh nichts.«

»Da sind Eier. Wir brauchen dringend Beiwurz.«

»Bleiwurz, die Blume? Was bedeutet das? Was passiert mit mir?«, jammerte Mirella und begann die Stelle zu kratzen. Sie hatte soeben zu jucken begonnen.

»Beiwurz. Und wenn wir’s nicht finden, schlüpfen sie.«, meinte der Diz und sprach gelassen. Mirella kannte ihn allerdings und sah, dass er auf dem Fell an seinen Mund kaute.

»Und dann? Fressen sie mich? Was sind das überhaut für Viecher?«, rief Mirella aufgebracht und sprang auf. Sie trat mit den nackten Füßen in den steinigen Sand. Es schmerzte ein wenig, linderte jedoch für einen Moment das Jucken.

»Nein, sie fressen nicht. Aber sie nehmen deinen  Körper, wenn du sie nicht aufhältst.«, meinte Schimpfpelz kauend und lief langsam los. »Sollten weiter. Schnell zum Wald. Dort wächst Beiwurz.«

»Warte. Wir können nicht bei Dunkelheit durch die Steppe.« Sie schluckte, als sie Schimpfpelz‘ Worte realisierte. Sie würden ihren Körper übernehmen, wie die der Leichen. Sofort nahm sie die Verfolgung auf und kratzte sich am Arm. »Welchen Wald meinst du denn? Hier ist kein Wald«

»Den nächsten Wald.«, antwortete er und winkte ihr mit zugekehrtem Rücken, dass sie aufholen sollte. »Hier sind überall Wälder zwischen den Ländern.«

Dann rannte er los.

Strand

Fortsetzung folgt.

Nun bin ich schon bei Teil vier. So viel hat die Welt noch nie von mir zu lesen bekommen und ich bin irre glücklich über Eure Unterstützung. Um mir Kommentare zu hinterlassen braucht Ihr auch keine E-Mails angeben oder angemeldet sein, also lasst mir auch gerne unter meinen Beiträgen ganz viele Kommentare. Außerdem könnt Ihr mir gerne sagen, was Ihr als nächstes lesen wollt, was euch gefällt und was nicht und mir alle Fragen stellen die Euch einfallen.

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2 Kommentare zu „Leicheneier – Zu den weißen Wäldern IV

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