Stimmenwasser – Zu den weißen Wäldern V

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Bisher hatte es Schimpfpelz nie so formuliert, doch es traf zu; zwischen den Landen lagen immer Wälder. Als trennen die Bäume ganze Welten voneinander. Noch bevor die Sonne den Horizont überwinden konnte, erreichten sie weichen Boden. Der Lauf der Perle nahm allmählich ab. Mirella fühlte es in ihren Muskeln, fühlte es an der Schwerfälligkeit, Luft zu holen und fühlte es an dem Schweiß, der von ihrer Stirn zu rinnen begann.

Das Licht der Morgensonne wies, anhand ihrer eigenen, endlos wirkenden Schatten, den vor ihnen liegenden Weg ins herbstliche Dickicht. Der einstige Sand, auf dem sie die Nacht durchgelaufen waren, hatte sich zu beigefarbenem Lehmboden gewandelt, aus dem braune Sträucher hervordrangen.

»Schnell rein.«, keuchte Schimpfpelz, sichtlich außer Atem, auch bei ihm hatte die Macht der Perle nachgelassen.

»Warum schnell?«, fragte Mirella und nahm gezwungenermaßen Geschwindigkeit aus ihrem Lauf, die Anstrengung wurde immer spürbarer.

»Mit der Sonne kommt das Wasser.«, antwortete er und schien die wenigen hundert Meter zur Waldgrenze weiter sprinten zu wollen.

Woher wusste er…

…doch kaum konnte sie sich selbst diese Frage stellen, fühlte sie das Beben unter ihren Füßen. Der Lehmboden knirschte und schmatzte, als sich Risse durch ihn zogen.

»Was zur…« kreischte Mirella, als direkt unter ihr einer der Risse immer breiter wurde. Sie sprang beiseite und knickte dabei um.

»Zu mir! Zu mir!«, rief Schimpfpelz, der auf der anderen Seite des Risses geblieben war und hilflos ihren Sturz beobachtete. Wenn auch gedämpft, dennoch unangenehm, war Mirella auf ihre Knie gestürzt und fühlte Nässe in den Lehmboden dringen.

»Schnell.« Verzweiflung lag in seiner Stimme während er zögerlich dem Spalt wich, der sich allmählich weiter öffnete. Dabei bewegte sich sein Mund, doch das Grollen des Bodens überlagerte seine Worte.

Hastig richtete sie sich auf und setzte zum Sprung an. Den Spalt könnte sie leicht überwinden, doch die Angst, den Halt zu verlieren, bremste sie für wenige Atemzüge. Erst, als der Diz ein weiteres Mal aufschrie, drückte sie sich vom Boden ab und schloss die Augen.

»Trink. Lösche deinen Durst.«, hauchte ein Chor aus verzerrten Stimmen noch im Sprung und ein Bild fließenden Wassers erschien vor ihrem inneren Auge.

Sie landete abermals unangenehm, sodass ein brennender Schmerz durch ihre Waden zog.

»Komm.«, befahl Schimpfpelz‘ Stimme und er griff sich zwei Finger ihrer Hand. Erst als sie aufgestanden war und mit dem Fellmann in den Wald lief, wagte sie die Augen zu öffnen.

Kaum hatten sie den Wald betreten, umgab sie das Flüstern von Laub. Doch eine dumpfe Stille untermalte dieses Flüstern. Außer ihrer Schritte und dem abebbenden Grollen des aufreißenden Bodens blieb der Wald stumm. Kein Vogelgesang, keine Insekten, nur die drängende Ruhe des Todes.

Neben ihnen, war ein Graben entstanden, der sich in die Tiefe des Waldes schlängelte. Fassungslos beobachtete Mirella, wie sich dieser Graben allmählich mit Wasser füllte.

»Durst. Ich habe Durst.«, flüsterte der Chor in ihrem Ohr.

»Ich habe Durst.«, sagte Mirella unweigerlich.

»Nein. Hör nicht darauf. Wir haben keinen Durst.«, meinte Schimpfpelz und sah sich um. »Das sind die Stimmen des Wassers.«

»Du weißt wo wir sind?«, fragte Mirella überrascht. Wenn dieser kleine Miesepeter immerzu wusste, wo sie waren, warum hatte sie dann ständig das Gefühl, verloren zu sein? Warum wies er ihnen nie den Weg?

»Der graue Wald.«, antwortete er und bückte sich nach einer Pflanze, riss sie aus und schnüffelte daran. »Hier werden wir Beiwurz finden. Zum Glück.«

Beiwurz. Fast hätte sie es vergessen. Ängstlich sah sie auf die Stelle an ihrem Arm. Eine Rötung war zu sehen, welche sehr wahrscheinlich durch das Kratzen entstanden war. Doch war da mehr? Sie meinte leichte Wölbungen zu sehen, doch das Morgenlicht drang nur gedämpft durch die herbstbunten Baumwipfel.

Duuuurst…

»Mein Mund ist schon ganz trocken.«, meinte Mirella und schluckte, als sie sich einen Weg in den Wald bahnten, stets Seite an Seite mit dem sich füllenden Fluss.

»Nein, ist er nicht.«, brummte Schimpfpelz.

»Doch ist er. Und das ist ja auch logisch. Wir sind die ganze Nacht gerannt, irgendwann muss jeder trinken.«, entgegnete Mirella und verschränkte die Arme. Wölbungen, sie meinte tatsächlich Wölbungen zu sehen. Wie Pusteln. Oder Eier?

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