Beiwurz – Zu den weißen Wäldern VI

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Nun war es klar. Mirella fühlte es sogar, wenn sie mit den Fingern darüber strich. Doch Schimpfpelz warnte sie. Sie solle die Stelle nicht weiter berühren. Wenn sie nicht bald Beiwurz finden würden, mussten sie die Stelle entfernen.

»Entfernen?«, schrie Mirella und blieb nebst des Flusses stehen. Das Wasser war grau und stank, doch ihr Durst machte es dennoch verlockend.

»Mit Feuer.«, antwortete der Diz.

»Klar.«, murrte Mirella mehr zu sich selbst, und berührte die Pusteln auf ihrer Haut. Die Wölbungen waren mit einer Flüssigkeit gefüllt, die laut Schimpfpelz heranreifende Eier waren. Mirella würgte bei diesem Gedanken und fand allmählich Gefallen an dem Plan, die Stelle zu „entfernen“.

Wasser, deinen Rachen hinab…

»Wo geht’s denn nun hin, Schimpfpelz?«, jammerte Mirella, die es leid war den verrückten Windungen des Flusses zu folgen. Sie meinte, so würden sie sich letztlich völlig verlieren.

»Zum See, Dummelchen.«, knurrte der Diz und rupfte hier und da immer wieder Pflanzen aus dem Boden um sie zu beschnüffeln und anschließend fallen zu lassen.

»-er- Dumm-er-chen.«, verbesserte Mirella und fragte sich, warum sie ihm noch Tipps gab, wie er sie besser beleidigen konnte. Dummerchen musste ein Wort sein, das er von seiner alten Gefährtin gelernt hatte. Erst jetzt fiel Mirella auf, dass sie ebenfalls Barfuß ging. Eine Tatsache, über die sich Schimpfpelz noch gar nicht geäußert hatte. Doch die Vergangenheit war ein empfindliches Thema. Durch diese Gefährtin, hatte er nun einmal seine Familie verloren. Wobei in seinen wenigen Erzählungen kaum Vorwürfe diesbezüglich herauszuhören waren. Das musste etwas mit dem großen Wandel zu tun haben. Einst hatte er erwähnt, Teil dieses Wandels gewesen zu sein. Nur beiläufig, und Mirella war nicht sicher, was dies zu bedeuten hatte.

Die Pusteln juckten und Mirellas Muskel darunter zuckte zeitweise unkontrolliert. Sie würden ihren Körper übernehmen. Schimpfpelz hatte dies prophezeit und sie konnte es nun fühlen.

Hmmm durstig…

»Welcher See denn?«, fragte Mirella und sah die trüben Reflektionen im Fluss. Wie gern sie nur einen kleinen Schluck versucht hätte. Einer könnte doch nichts ausrichten. Nur ein Schluck, weiter nichts.

»Finger weg! Dussliger Kerl. Richtig dusslig.«, keifte der Diz und trat Mirella gegen das Bein. Ihr war gar nicht aufgefallen, dass sie sich gesetzt hatte. Ihre Hand schwebte, zur Schaufel geformt, über dem Wasser. »Fass nicht rein, sie holen dich.«

»Wer Schimpfpelz? Wer holt mich? Und warum weißt du plötzlich Dinge über einen Ort, den du gar nicht kennen dürftest? Warum weißt du das immerzu?« Langsam richtete sie sich auf.

»Ich weiß es, sobald ich‘s muss. Du weißt das. Ich hab das schon mal gesagt.«, brummte der Diz und rupfte einen Strauch heraus, diesmal ohne zu schnuppern. Er warf ihn verärgert ins Wasser, worin er sofort versank, als wiege er so viel wie ein Stein. Keine Kapillarwellen breiteten sich aus, doch es folgte ein seltsames Geräusch, das dem Knistern von tauendem Eis gleichkam.

»Weißt du alles? Was im Wasser ist? Wo wir sind? Wo wir hin müssen?«, fragte Mirella neugierig und sah zu ihrer Erleichterung eine graue Fläche in nicht allzu weiter Ferne.

»Nur manches. Manches wovor ich uns bewahre.«, antwortete er. »Da ist der See. Finde Beiwurz. Sie riecht wie Fisch.«

»Du weißt mehr. Manchmal weißt du genau wo wir sind. Manchmal nicht.«, entgegnete Mirella, während sie dem davoneilenden Diz hinterherlief.

»Ja. Manchmal.«, rief er und rupfte im Vorbeigehen büschelweise Pflanzen aus. »Sieht aus wie alles andere, aber riecht nach Fisch.«

Mirella staunte über den Anblick des Sees. Das graue Wasser bot keine Möglichkeit in die Tiefe zu blicken, doch aufgrund dessen konnte man die Schatten der Bäume darauf tanzen sehen. Aus dem stillen Wasser ragten hier und da paarweise die Stämme verstorbener Bäume heraus. An manchen hingen noch braune Blätter herab, die meisten schienen schon lange verfault zu sein. Das Wasser stank hier umso heftiger. Wie sie bei diesem Geruch Beiwurz finden sollte, war ihr schleierhaft. Doch als der Diz ihr freudig quiekend einen Strauch, gleich dem, den er in den Fluss geworfen hatte, unter die Nase hielt, wurde es ihr klar. Ammoniak. Es war nicht der Geruch von Fisch, sondern der von verrottenden Meeresfrüchten. Lautstark musste sie einen Schwall Galle hinunter schlucken und schubste Schimpfpelz beiseite.

»Boah, ekelhaft.«, keuchte Mirella und presste sich die Hand auf den Mund.

»Beiwurz.«, bestätigte Schimpfpelz freudig. »Du gräbst es aus.«

Das war ein Befehl. Er gab selten Befehle, was auch gut war, denn wenn der kleine Fellman etwas bestimmte, dann ging ihr ein Schaudern den Rücken hinab. Er zeigte ihr die Stelle, an der die Pflanze gewachsen war, wobei sie diese wohl aus tausenden hätte ausmachen können. Der Boden um die Pflanze hatte eine weiße Farbe angenommen und sah aus wie Milchschaum.

»Fall nicht rein.«, befahl er zusätzlich, da die Stelle nah am Wasser lag. So nah, dass sie das Flüstern regelrecht daraus hervordringen hören konnte.

Ich bin sooo durstig …

»Hol die Wurzel raus.«, brummte Schimpfpelz.

Zögerlich legte Mirella die Finger auf den Schaum bevor sie mit einem Seufzer die Hand hineinschob. Jammernd wie ein Welpe tastete sie sich im kühlen Schleim zur Wurzel hervor und fragte sich, ob sie wirklich wissen wollte, worin sie gerade ihre Finger versenkte.

Dann lenkte sie plötzlich eine Bewegung im Wasser ab. Einer der Doppelstämme begann zu wanken.

»Trink!«, schrie Schimpfpelz unerwartet. Mirella wandte sich ruckartig zu ihm und hebelte dabei die Knolle aus der Erde. Der Diz befand sich schon im Lauf als sie ihn erblickte. Er wollte sich offensichtlich ins Wasser stürzen.

»Nein!«, rief sie verzweifelt und stellte sich dem Diz in den Weg. Doch als er sie erreichte, wehrte er sich. Schnell schnappte sie ihn vom Boden, wobei er trat und biss wie eine Katze. Es war unmöglich ihn ruhig zu halten. Als er sie am empfindlichen Arm erwischte, warf sie ihn von sich. Taumelnd blieb sie im Schaumloch stecken und machte es ihr nahezu unmöglich, ihn wieder heraus zu ziehen. Währenddessen grunzte Schimpfpelz nach einem unsanften Fall und schüttelte sich beim Aufrichten. Noch für einen kurzen Moment lag Verwirrung auf seinem Gesicht, dann riss er die Fliederaugen auf.

»Lauf!«, kreischte er, während sich ein großer Schatten über Mirella legte, von dessen Verursacher bereits Tropfen auf sie harab regneten.
Verzweifelt bewaffnete sie sich mit der Knolle und wollte sich dem Schatten stellen, der sie geräuschlos überragte. Sie spürte die Präsenz. Etwas Dunkles fuhr in sie hinein. Es kroch in ihre Poren mit knisterndem Flüstern:

Duuuuuuurst…

Schimpfpelz schlug sich die Hand vor den Mund und Mirella wagte nicht, einen Blick nach hinten zu werfen. Stattdessen erstarrte sie, während sich knorrige Finger um ihren Körper schlossen, jeder einzelne so dick wie ihre Arme.

Trink von mir…

Sie wurde von den Füßen gehoben. Dabei löste sich ihr festsitzender Fuß mit zerrenden Bändern. Ihr Herz pochte, ihre Muskeln verkrampften. Sie sah den Wald von oben, wurde gedreht und sah kopfüber die Stämme.  Wie sie mit grauer Reptilienhaut verwuchsen und dabei Wülste aufwarfen. Adern pulsierten in diesen Wülsten, als wollten sie den Stämmen Leben einflößen. Darunter folgte ein gesichtsloser Kopf in dessen Mitte zwei Löcher wie Nabel saßen. Augenblicklich schloss Mirella die Augen. Der Anblick dieser Monstrosität sog sich unaufhaltbar in ihrem Verstand fest und wollte alle Vernunft aus ihm herausziehen.

der Gehörnte
(c) Judith Schöne

Trinke von mir. Durst brennt in deiner Kehle. Das Herz pocht schwer, dein Blut zu dick.

Sie fühlte es. Fühlte, wie ihr das Blut nur mühsam durch die Venen kroch. Langsam und windend. Sie musste trinken und öffnete die Augen, bevor das Monstrum sie ins Wasser tauchte. Bald würde sie es berühren und endlich einen Schluck nehmen können.

Plötzlich weckte sie ein beißender Schmerz aus der Trance, als hätte ihr jemand den Arm verbrannt. Es zuckte und bohrte bis plötzlich ihr Arm begann zu rucken. Kräftig entriss er sich der Umklammerung einer der Reptilienfinger und waberte neben ihrem Körper, als versuche er sich wie ein Flügel zu bewegen. Das Monstrum hielt nur wenige Zentimeter über der Wasseroberfläche inne. Blaue Augen sahen ihr entgegen. Ihre eigenen Augen. Sie wollten Mirella nicht mehr erkennen. Der wild gewordene Arm begann zu rudern, kugelte ihr dabei fast die Schulter aus und im Spiegelbild schrie ihr eigenes Gesicht.

Dann flog sie. Ein kurzer Moment der Schwerelosigkeit – und sie landete auf Waldboden. Sofort war Schimpfpelz an ihrer Seite und berührte ihren Kopf. Mirella schluchzte, kreischte und presste das Gesicht in die Erde.

»Hilf mir!«, weinte sie bitterlich und stemmte ihren Körper gegen den zuckenden Arm.

Die Prozedur war grauenvoll. Es knirschte und schmatzte, als er über einen Zeitraum von Stunden – zumindest fühlte es sich für Mirella wie Stunden an – die Behandlung an ihr vornahm. Sie sah nicht hin, drückte ihr Gesicht gegen den Erdboden und kniff die Augen zusammen. Immerzu versicherte Schimpfpelz, es würde alles gut werden. Die Gehörnten hätten dank der Parasiten von ihr abgelassen. Doch sollte sie dankbar sein? Nein, sie war von fürchterlichem Grauen erfasst und schrie nach ihrem Vater. Sie wollte zu ihrem Papa. Heim. Und nie mehr wieder an diesen fürchterlichen Ort denken.

Fotos (c)EireensEyes 
Bearbeitung: LydeenTales

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2 Kommentare zu „Beiwurz – Zu den weißen Wäldern VI

Gib deinen ab

  1. Dieser Part ist etwas verwirrend und abstrakt, liest sich aber trotzdem sehr flüssig und ist auch äußerst spannend erzählt. Folgende Textstelle ist mir aber aufgefallen: „[…]“Lauf!“, kreischte er, doch da hatte Mirella trafen bereits Tropfen auf ihre Haut. […]“ – Hier haben sich zwei Sätze auf eine sehr sonderbare Weise vermischt…

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    1. ja, das mir dem „verwirrend“ hat mir noch eine andere Person gesagt. Was genau ist verwirrend? Das kann ich in meiner Betriebsblindheit nicht recht greifen.
      Und zu dem Satz: da muss was beim Kopieren schief gelaufen sein, ich habe es sinngemäß geändert, kann aber nicht rekonstruieren, was da mal gestanden haben kann XD
      Danke dir nochmals 🙂

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