Dryadenlaich – Zu den weißen Wäldern

Einige Zeit zuvor, als die Welt noch in Ordnung war… war sie das wirklich je gewesen?

Vorsichtig führte Mirella ihre Lippen an die durchsichtige Blase und gab ihr einen Kuss. Der schwarze Punkt darin würde eine Dryade werden, das wusste sie ganz bestimmt. Vor wenigen Tagen hatte das Mädchen den Laich aus einer Pfütze gerettet und sorgfältig die grauen Schlieren der Straße weggewaschen. Nun durften die kleinen Wesen in ihrem geheimen Tümpel heranwachsen, tief im Inneren des Wildschweingeheges. Es war verboten über den Maschendrahtzaun zu steigen und gefährlich, vor allem wenn die Wildschweine Frischlinge bekamen. Doch nur hier waren ihre neuen Freunde in Sicherheit.

Der Weg zu ihrem Tümpel war nicht einfach, sie musste durch Büsche und Brennnessel steigen, um den Säuen zu entgehen, die um diese Jahreszeit besonders aggressiv ihre Jungen beschütze. Doch jene zwanzig Hektar menschenfreien Grundes entsprachen am ehesten dem Wunderland, von dem Mirella nachts zu träumen pflegte. Hier reifte Froschlaich zu Fabelwesen heran und wenn sie am Abend wieder über die missgebildete Buche in die reale Welt stieg, meinte sie, die Stimmen der Schweine verstehen zu können.
Vorsichtig setzte Mirella die kleine Laichblase zurück ins Wasser. Noch war es schwer zu bestimmen, doch es sah ganz danach aus, als würden ebenfalls Satyre aus einem Teil des Laiches schlüpfen.

»Ihr müsst euch vertragen.«, flüsterte Mirella sorgevoll. »Ihr dürft euch nicht bekämpfen, nicht hier in meinem Tümpel.«

Stetig rückte der Abend näher und übergoss den Wald mit orangefarbenem Licht. Mirella musste gehen, wenn sie nicht bei Dunkelheit durch den Wald irren wollte. Doch ein seltsames Gefühl hielt sie zurück. Die Stimmen der Schweine schienen in Aufruhr und auch die Vögel unterhielten sich ungewöhnlich laut. Überhaupt, saßen eine ganze Menge Vögel in den Baumkronen. Ein chaotisches Gezeter verschiedenster Vogelstimmen umzingelte das Mädchen und bestätigte umso mehr, dass etwas nicht stimmte.

So leise sie konnte, kämpfte Mirella sich durch einen der Büsche, die den Tümpel umzingelten und sah hinaus auf den unberührten Wald. Bärlauch bedeckte den Boden in sattem Grün und verströmte seinen unverkennbaren Duft. Es huschte eine Wildschweinfamilie vorüber, ihnen voran ein kräftiger Eber, der mürrisch vor sich hin meckerte.

Pssssst… , zischte eine Stimme hinter dem Mädchen.

Sofort wandte sie sich um und sah – nichts. Nur die schimmernde Oberfläche des Wassers, auf der ein wirrer Teppich aus Laich trieb. Ein Teil davon wirkte golden wohingegen der andere dunkel blieb. Ob die goldenen Eier wohl Dryaden waren?

Abermals behutsam ging sie wieder zurück ans Wasser und sah sich nach der Herkunft des Geräusches um, doch das Licht wurde fortwährend schlechter. Der Wald deckte sie allmählich in Dunkelheit und versetzte sie in Unbehagen. Für den Fall der Fälle lehnte ein dicker Holzknüppel an einem der morschen Baumstämme, doch sie fürchtete nicht, sich verteidigen zu müssen. Irgendwas anderes, Ungreifbares machte sie nervös.

Pssssssssssssst… , zischte es abermals. Dieses Mal energischer und aus der Richtung des Laichs. Es war, als spreche es zu ihr.

»Was ist denn?«, fragte sie im Flüsterton und mit ängstlicher Ungeduld in der Stimme.
Plötzlich platzten die Vogelschwärme aus dem Geäst und flogen in einem lauten Durcheinander von Baum zu Baum. Mirella duckte sich erschrocken, umschlang den eigenen Kopf mit ihren Armen und wurde dennoch einige Male von Flügeln geschnitten. Mit geschlossenen Augen harrte sie den Tumult aus und atmete erst einmal durch, bevor sie wagte sich wieder aufzurichten. Ein drittes Mal rief das Zischen nach ihr. Dieses Mal meinte sie sogar ihren Namen zu hören.

Ängstlich und mit zu Fäusten geballten Händen öffnete sie die Augen. Nur zu einem Schlitz, jedoch reichte dies, um das goldene Glimmern im Wasser zu entdecken.

»Oh nein!«, keuchte sie erschrocken und sprang auf. Dem goldenen Licht entsprangen ebenfalls große Blasen, die den Laich durcheinander wirbelten. Ohne Zögern lief Mirella zum Wasser, streifte ihre schlammigen Ballerinas ab und tauchte einen Zeh ins kühle Nass. Kalt, zum Glück war es kalt. Sie hatte schon befürchtet das Wasser hätte zu Kochen begonnen. Dennoch blubberte aus der Tiefe des Wassers Luft hervor und das Mädchen glaubte als Ursache eine kleine Perle zu erkennen. Der Grund des Tümpels war nicht sonderlich tief, sie würde darin nicht untergehen, doch das braune Kleid, das sie trug, sollte unversehrt bleiben. Ihre Mutter wäre schon über die verschmutzten Schuhe nicht erfreut, doch würde sie das Kleid einsauen gäbe es mächtig Ärger.
Mirellaaaaa… , rief es dieses Mal deutlich und eine regelrechte Fontäne kleiner Blasen stob die Wasseroberfläche auseinander.

Angst? Sie fragte sich für einen Moment, ob sie Angst empfand. Ja, sie hatte Angst. Aber nicht die Angst, die sie bei Nacht in ihrem Zimmer verspürte, wenn sie die gruselige Lücke zwischen der Wand und ihrem Kleiderschrank sah. Nein, eine Angst, die in einer aufregenden Wärme durch ihre Brust pochte.

»Ich komm ja schon.«, hauchte sie mit zitternder Stimme und sah sich noch einmal um, bevor sie ins Wasser stieg. Vorabendliche Zwielichtigkeit umspielte die Pflanzen und versteckte die Vögel, die nun Still auf das Geschehen am Tümpel warteten.

Sie sank ab bis hin zur Hüfte und quiekte leise wegen des kalten Wassers an der empfindlichen Nierengegend. Um sie herum bäumte sich der Stoff ihres Kleides auf, unter dem sich Luft gesammelt hatte und nicht untergehen wollte. Mirella presste ihn vor sich Unterwasser und watete zur Quelle des Lichtes hervor. Algen und andere Fremdkörper streichelten ihre Beine, als wollten sie das Mädchen willkommen heißen. Kurz bevor Mirella die Stelle erreicht hatte, an der die golden schimmernde Murmel lag, begann der gesamte Teich zu blubbern und ihren Körper in kühlen Schaum zu hüllen.

Jetzt bekam sie es tatsächlich mit der Angst zu tun. Mit der altbekannten Angst, die sie völlig einfror und selbst das Atmen erschwerte. Das Blubbern trieb die Perle an die Wasseroberfläche. Iin einem Bett aus Schaum drehte sie sich und flüsterte. Mirella schlotterte und überwand noch immer den Drang zu fliehen, doch das massierende Schäumen, das ihren Körper umschloss war wie eine Barriere, die sie festhalten wollte. Mit zitternden Fingern griff sie nach der Perle doch kaum hatte sie die runde Oberfläche berührt, zerbarst sie unter dem Druck ihrer Fingerspitzen. Schwarze, ölige Flüssigkeit tropfte in den Schaum und löste ihn sofort auf. Der schlammige Boden unter ihren Füßen wurde nachgiebig und sie versank mit einem erstickenden Schrei im Wasser.

Sie war bis zur Hüfte im Schlamm versunken und von Wasser umgeben, als sie ein kräftiger Schwall umspülte und ihren Körper herumwirbelte. Nur Augenblicke, die sich dennoch beängstigend lang anfühlten, blieb sie Unterwasser. Dann machte sie auf dem Rücken liegend auf festem Boden halt, während sich das Wasser über Ihre Füße hinweg zurückzog.

Der erste Atemzug brannte und sie hustete als sie sich aufrichtete und die Augen öffnete. Wald umgab sie. Ein fremder Wald bei Tageslicht. Und ihr gegenüber wartete ein Tier, das auf zwei Beinen stand wie ein Mensch, jedoch graubraun behaart und kaum größer war als ein Kapuzineräffchen. Doch es hatte nicht das Gesicht eines Äffchens sondern das eines Teddybären. Eines sehr behaarten Teddybären, dessen Augen man kaum sehen konnte. Fliederfarbene kleine Augen, die sie ansahen wie die eines Menschen.

»Noch so ein menschlicher Kerl.«, knurrte das Wesen und entblößte beim Reden eine Reihe spitzer, kleiner Zähne.

»Was?«, keuchte Mirella und hustete, während sich ein Flut weiterer Fragen in ihrem Kopf sammelte.

Foto: https://eireenseyes.wordpress.com
Foto: https://eireenseyes.wordpress.com
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3 Kommentare zu „Dryadenlaich – Zu den weißen Wäldern

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      1. Das hast du wirklich lieb gesagt. Vielleicht trau ich mich auch nicht so wirklich, keine Ahnung. Vielleicht stell ich irgendwann mal eine Kurzgeschichte oder so vor und guck wie die ankommt. Eine auf Englisch hab ich ja schon drin, ist allerdings eher ne Szene. 😀

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