Wiederholt leben

Jeremy schloss die Augen, als seine Hand die Türklinge umfasste. Das kühle Metall presste sich in sein Fleisch, als sein Griff immer fester wurde.

„Bitte nicht“, flüsterte er und zwang seine Muskeln, die Klinke herunter zu drücken.

„Bitte…“, hauchte er noch einmal, bevor er die Türe vor sich aufschob.

Graues Licht benetzte den Raum und versetzte alte, unpassend zusammengestellte Möbel in traurige Stimmung. Oder war es Jeremy, der den Raum mit schmerzlicher Bedrückung füllte? Das Fenster direkt gegenüber der Tür war mit einer alten Gardine verhangen, die alle Farben aus dem Sonnenlicht siebte. Die Wände waren entweder mit Schränken zugestellt oder mit Regalen behangen. Der Anblick war beengend. Trostlos und verkommen stand zwischen zwei Kommoden das Bett.

„Sie ist bald soweit“, sagte eine sanfte Frauenstimme hinter Jeremy.

„Kannst du mich allein mit ihr lassen?“, bat er und hielt sein Blick auf die alte Frau, deren Füße nackt und von Adern und Hornhaut bedeckt, sowohl unter der Decke hervor als auch über das Bett hinausragten.

„Sicher.“

Jeremy hörte noch, wie sich Schritte entfernten, da zog sich bereits seine Brust zusammen und bitteres Schluchzen quoll aus seinem Rachen. Sich dem Kopfende des Bettes nähernd strich er zitternd über die eisige Haut ihrer Füße, wanderte die Decke hinauf bis seine Hand in ihrem Haar war. Lang und verknotet lag es um ihr Kissen wie ein Kranz.

„Warum stirbst du mir immerzu davon?“ fragte Jeremy mit gebrochener Stimme.

Ihr Mund stand offen. Die Zeit hatte ihr kaum Zähne gelassen. Alt hatte er sie so oft schon sehen müssen. Wieso musste er immerzu in ihr sterbendes Gesicht blicken?

„Ich liebe dich“, hauchte er.

Als hätte sie es gehört, zuckte die Haut um ihre Augen und zog sich in einem Netz aus Fältchen zusammen. Ihre weißen Wimpern flatterten vor Anstrengung, als sich ihre Lider einen Spalt zu öffnen versuchten. Nur so wenig, dass man kaum die Farbe ihrer Augen erkennen konnte. Jeremy wusste, dass sie einst grün gewesen sein mussten.

„Wer…“ entfloh es – mehr wie ein Hauchen – ihrem geöffneten Mund, dessen Lippen sich kaum zu bewegen wagten „… bist du?“

Doch ohne eine Antwort abzuwarten erschlafften die Fältchen um ihre Augen und ihr Mund öffnete sich, als wolle sie nach Luft schnappen. Das stoppende Senken und Heben der Decke auf ihrer Brust erweckte den Schein, als wäre sie tiefer in ihre Matratze gesunken.

„Du kennst mich leider nicht“, weinte Jeremy mit tonloser Stimme „Doch das werde ich ändern. Versprochen!“

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