Eid

Nun schwor ich einen Eid, den ich nicht vorhatte einzuhalten. Ich würde ihn brechen, sobald sich mir die Gelegenheit bot.
Hier im Wald waren Geschwister nicht, als sie draußen in der Welt waren. Wir lebten Seite an Seite, wuchsen gemeinsam auf und dann, wenn der Tag des Regens kam, schworen wir diesen Eid. Einer musste sterben und mit ihm die Zwillinge der anderen Kinder.

“Nun wiederholt die Worte nach mir“, sprach die große Mutter. Unter dem Schlamm auf ihrem Kopf verstecke sie silbernes Haar. Der erste Schlamm des herannahenden Regens. Göttin Voave wird ihre Opfer fordern. Mich, oder meine Schwester.

“Ich gelobe, die Nacht des Regens zu verweilen…”, gab die Mutter vor, in albern klingendem Singsang. Wir sprachen ihre Worte im Chor. Siebzehn Kinder und Jugendliche. Sogar Mira schwor zu sterben, dabei war ihr Bruder schon als Kind vom Baum gestürzt. Man hatte ihn liegen lassen, für Tage der Qual. Doch wer nicht klettern konnte, wurde vom Gott der Bäume gefordert.
“…ich werde den Tag des Sturmes und die Nacht der Blitze verweilen“, sang die Mutter und erhob die Stimme, wobei sie sich unschön überschlug. Wir wiederholten ihre Worte abermals.

Nun war es an der Zeit, die Finger in den moosbedeckten Boden zu stecken. Wir mussten graben. Unser eigenes Mordwerkzeug aus der Erde heben. Meine Schwester, Nimph, war schnell darin, die Kabel zu finden. Ihr Haar glänzte golden und kräuselte sich unter der Luftfeuchtigkeit. Fünfzehn Jahre kannte ich sie. Fünfzehn Jahre hatte es den Regen nicht mehr gegeben.
“Dieses Kabel verbinde ich mit meinem Bruder, meiner Schwester…”, rief die Mutter und wir wiederholten.
Mira wurde mit einem lebendigen Schwein verbunden. Ein interessanter Lösungsweg. Was das über die Entscheidung Voaves aussagt?
Die Erde knirschte und Schnitt sich ins Fleisch, doch wir gruben die Kabel vollständig aus und begannen, uns gegenseitig darin einzuwickeln.

“Amph…”, flüsterte meine Schwester mit Tränen in den blauen Augen. “…ich will nicht…”
“Und ich wünsche, Voave wähle mich und verschone mein Geschwister”, heulte die Mutter. Theatralische Bewegungen schickten zwei vermummte Männer an, die Helme aus der Hütte zu holen. Es war das einzige Gebäude, das sich am Boden befand. Ein Schuppen aus vermoostem Holz barg die Helme, die neun Tote fordern würden. Der Preis des Zwillings. Einst angewandt, da man den bösen Zwilling töten und eine Gesellschaft der reinen Güte hatte schaffen wollen. Heute wusste man, dass weder ich noch Nimph grundböse waren. Ebenso war keiner von uns grundgut. Trotzdem hielt man an jenem Ritual fest.

Die Helme wurden verteilt und ich sah die scharfen Kanten aus Metall. Ein Lächeln zitterte an meinen Wangen, doch ich zwang es fort.
“Hier, nimm“, ich gab Nimph meinen Dolch aus Holz, sie würde ihn dringender benötigen. Gierig nahm ich einem der vermummten Männer den Helm ab. Ich erkannte den Ring meines Vaters an dessen Hand. Nun drängte erneut ein Lächeln an meinen Mundwinkeln und ich ließ es auf mein Gesicht gleiten.
“Voave soll dich holen!”, brüllte ich und schlug die Krempe des Helms in den Hals meines Vaters. Er blieb für einen festen Ruck im Speck seines Wohlstands stecken, dann ergoss sich der Regen seines Verrats über mich und meine Schwester.
Und wie zu erwarten war, wollten sich nun alle auf mich stürzen. Kinder zwirbelten sich aus Kabeln und stürmten los. Allen voraus Mira, die sich stets flink und wendig bewegte.
Nimph stach ihr mit dem Dolch durch die Wange. Das reichte, sie zurück straucheln zu lassen, was einigen Kindern die Moral vermieste. Nur die Älteren wagten sich weiterhin zielstrebig in den Angriff. Ebenso die Mutter, der ich den Helm gegen die Brust schleuderte. Sie nahm nur einen Kratzer mit, wurde jedoch gebremst. So auch die Älteren von einem zögerlichen Pulk aus Jungen. Kinder, die ich kannte und mochte.

Zeit zu rennen.
Nimph riss sich die Haut auf, da das Kabel noch teilweise an ihr hing. Sie schrie, doch ich zog sie mit. Unterholz und Zweige zermürbten unsere Füße schnell. Sie waren blank, aufgrund des Rituals und das hatte scheinbar seine Gründe. Dabei hielt es den gläubigen Mob Kinder gleichermaßen auf.
Hoffte ich.

Doch ein Junge hatte uns schneller eingeholt, als wir die Waldgrenze erreichen konnten. Was dahinter zu kommen drohte, war mir bisweilen nicht klar geworden. Nun war die Frage überflüssig.
Der Junge griff meine Schwester, entriss sie mir binnen Sekunden und schmetterte sie zu Boden. Sie kreischte und wedelte mit dem Dolch, dann schlug er ihr den Kopf ein. Mit einem einfachen Stein. Voave hatte ihre Entscheidung getroffen.
Ich rannte weiter. Auf Verluste vorbereitet, doch nicht auf den Anblick.
Wenige Schritte von Tränen verschleierte Stämme und Sträucher, dann brannte sich Licht durch meine Netzhaut direkt in mein Gehirn. Weit hinten an der gegenüberliegenden Schädeldecke schien es ein Loch zu schmelzen.
Ich hob die Arme zum Schutz, hoffend, keiner wagte zu folgen. Selbst Blinzeln wollte das Licht nicht am Schmerzen hindern. So stolperte ich unweigerlich über einen Gegenstand, den ich nicht erkennen konnte.
“Verräter!”, hörte ich die Mutter noch schreien, bevor Hände mich griffen. Gefühlt hundert Hände, die mir ihren Missmut mit Kratzen und Zerren zeigten. Doch die Folter hörte schnell auf und sie begannen mich zu tragen. Nicht weit, denn die Grenze hielt uns stets eng beisammen.

Und als ich wieder sah, schlagen sie Kabel um meine Hände. Schicht um Schicht, unausweichbar. Mir wurde eine neue Schwester zuteil. Die Wunde an ihrer Wange hatte man nur lieblos vernäht. Sie sah mich zitternd an, hoffte ich würde sterben. Ich erkannte den bitteren Hass in ihren Augen.

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10 Kommentare zu „Eid

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      1. Mhm, es wirkte etwas abgehackt. Ich hätte jetzt auf den letzten Satz noch eine Folgerung erwartet, wie „Ein Hass der mich verzehren würde … und schließlich auch sie selbst.“ oder „Ich konnte nicht auf ihre Vergebung hoffen, sondern nur auf ein schnelles Ende“

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      2. Der ursprüngliche Schluss-Satz war „Ein Glück für das Schwein.“ Eine Probeleserin meinte, dass verstünde sie nicht und der vorherige Satz sei ein ziemlich guter Schlusssatz.
        Ich mochte diesen Sarkasmus. Da gab es im Text auch auch ein zwei Sätze mehr, ähnlicher Art. Da es eine Schreib-Challenge für meine Schreibgruppe war, gab es einige Meinungen, die den Text verändert haben.
        Ich weiß nicht, ob es ihn verbessert hat. 😉

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      3. Achso, mhm. Naja, du musst und solltest dich auch nicht zusehr nach dem richten, was andere sagen.
        „Zu viele Köche…“ – den Spruch kennst du sicher. Wichtig ist zwar immer ein gewisses Verständnis des Publikums, aber man kann es nicht allen recht machen.
        Am wichtigsten für den Künstler ist aber immer: Bin ich mit meinem Werk zufrieden?

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  1. Naja Amph schließt das nicht aus, sie sagt ja, sie wäre auch nicht grundgut. In wie weit das wohl auf der Moralskala dieser Kultur im verwerflichen Bereich liegt, bei einem augenscheinlich essentiellen Ritus den eigenen Vater im Affekt des gefassten Entschlusses, Ungehorsam zu sein, anzugreifen?

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